Chemnitz – am Sonntag, dem 15. November, 11 Uhr endet das „Literaturforum Bibliothek“, eine landesweite Lesereise, die vom Bibliotheksverband Sachsen organisiert wurde, mit dem Finale in Chemnitz. Seit dem 30. September reisten 20 Autor:innen für rund 60 Lesungen quer durch den Freistaat. Ein Konzept mit breiter Vielfalt: 37 der Termine waren öffentliche Lesungen, 22 weitere fanden als geschlossene Veranstaltungen in Schulen und Kitas statt. Das Forum versteht sich als Schaufenster der aktuellen sächsischen Gegenwartsliteratur.
Die Stadtbibliothek Chemnitz als Kooperationspartner und Mitveranstalter des „Literaturforums Bibliothek“ lädt zu den folgenden zwei Veranstaltungen ein:
Mittwoch, 11. November, 18 Uhr – „Die Irrfahrt der St. Louis“
Die Übersetzerin Anja Kootz präsentiert die Graphik Novel „Die Irrfahrt der St. Louis“ in der Zentralbibliothek im TIETZ.
Am 13. Mai 1939 verlässt die „St. Louis“ den Hamburger Hafen mit dem Ziel Kuba. An Bord befinden sich 937 jüdische Passagiere, in der Hoffnung, dem Terror der Nazis zu entkommen und in Kuba Zuflucht zu finden. Doch kurz vor der Ankunft werden die Hoffnungen der Flüchtenden zerstört: Die kubanische Regierung verweigert fast allen die Einreise. Auch die USA und Kanada lehnen das Schiff ab. Kapitän Gustav Schröder setzt alles daran, einen sicheren Hafen zu finden. Doch wohin, wenn niemand sie aufnehmen will?
Die Graphic Novel erzählt die wahre Geschichte von Flucht, Mut, Menschlichkeit und dem moralischen Versagen der internationalen Gemeinschaft: atmosphärisch, historisch fundiert und bewegend. Ergänzt wird die eindrucksvolle Erzählung durch ein Zeitzeugeninterview des Überlebenden Sol Messinger, ein Vorwort des Shoah-Museums in Rom sowie die offizielle Entschuldigung der kanadischen Regierung aus dem Jahr 2018. Ein starkes Stück Erinnerungskultur, das zeigt, was Zivilcourage bedeutet – damals wie heute.
Anja Kootz (Künstlername Anja Kapunkt) wurde 1977 in Mecklenburg geboren und absolvierte ihr Studium der Amerikanistik, Kulturwissenschaften und Germanistik in Berlin. Nach längeren Auslandsaufenthalten in New York und Paris arbeitet sie heute als freiberufliche Übersetzerin, Lektorin und Autorin. Sie übersetzt literarische Texte aus dem Englischen und Französischen ins Deutsche, darunter Werke für den Septime Verlag. Neben ihrer übersetzerischen Tätigkeit engagiert sie sich im Vorstand des Vereins Fähre e. V. – Forum für Literarische Übersetzung in Sachsen. Zudem ist sie als Fotografin aktiv: Ihre Porträtserie „Plainly Visible“, die literarische Übersetzer:innen zeigt, war unter anderem im Literaturhaus Leipzig zu sehen.
Sonntag, 15. November, 11 Uhr – Chemnitzer Buchsalon und Lesung „Michaela Kohlhaas“ von Heike Geißler (Finale der Lesereise)
Der Chemnitzer Buchsalon findet als Matinée-Veranstaltung der Zentralbibliothek statt. Drei Kritiker:innen besprechen drei aktuelle Herbsttitel aus Sachsen:
- Eileen Mägel, Dresdner Autorin und Lyrikerin, spricht über „Die zweitgrößte Liebe“ von Ruth Maria Thomas
- Angela Malz, langjähriges Mitglied des Chemnitzer Literarischen Quintetts, bespricht „Stolz und Zweifel“ von Marlen Hobrack.
- Burkhard Müller, langjähriger Rezensent des Buchsalons und Literaturkritiker, spricht über „Nach der Sonne schauen“ von Martina Hefter.
Im Anschluss liest Heike Geißler aus ihrem neuen Roman „Michaela Kohlhaas“, moderiert von Eileen Mägel.
„Das Rechtgefühl machte ihn zum Räuber und Mörder.“ So erzählt es Heinrich von Kleist in seiner gleichnamigen Novelle über den Pferdehändler Michael Kohlhaas, der nach erlittenem Unrecht blutige Vergeltung übt. Sein Rachefeldzug ist noch 200 Jahre später Vorbild und Handlungsanweisung für Michaela Kohlhaas, eine stellvertretende Friedhofsverwalterin. Befeuert von erfahrener Willkür und Ohnmacht, wird sie zur Aufsässigen. Doch wo Michael Kohlhaas mordete und brandschatzte, agiert sie vorrangig mit Worten: mit Zuspitzung, Übertreibung, Sabotage und Show. Einer vermeintlichen Hexe gleich, zieht sie fluchend und Verwünschungen aussprechend durchs Land. Und muss feststellen: Es ist von Nachteil, eine Frau zu sein. Es ist von Nachteil, sich zu wehren. Doch selbst wenn alle Welt sie für wahnsinnig erklärt – sie geht „mit wehenden Fahnen“ ihrem Ende entgegen, auf ein gutes Ende hoffend, und doch ahnend: Ein solches Ende wird es vielleicht nicht geben.
Heike Geißlers „Michaela Kohlhaas“ ist eine tollkühne Überschreibung der berühmten Novelle von Heinrich von Kleist. Ihre Michaela ist eine Schimpfende, eine Stinkende, eine Zärtliche. Eine große Liebende, die nicht bloß Verbesserung will – sie verlangt Wiedergutmachung und Sühne. Und eine gänzlich andere Einrichtung der Welt.
Heike Geißler, 1977 in Riesa geboren, ist Autorin. Sie arbeitet auch spartenübergreifend in unterschiedlichen Formationen (Sabotique und George Bele). Heike Geißler war zuletzt Dorothea Schlegel Artist-in-Residence an der FU Berlin und erhielt den Klopstock-Preis für neue Literatur, den Heinrich-Böll-Preis und den Bayerischen Buchpreis. Sie lebt in Leipzig.

